Landwirtschaft, Lehenswesen und ländlicher Alltag

von Stefan Sonderegger und Nicole Stadelmann

Martin Wick, ein Bauer aus dem thurgauischen Basadingen, verweigerte um 1433 dem Domi­nikanerinnenkloster St. Katharinental bei Dies­senhofen einen Teil seiner Abgaben. Mit wel­chem Recht konnte ein abhängiger Bauer Verpflich­tungen gegenüber seiner Herrschaft ver­weigern? Der von Wick bebaute Boden gehörte dem Kloster, und dieses hatte ihn ihm gegen Geld- und Naturalzinsen verliehen. Wick stand also in einem damals üblichen Abhängigkeits­verhältnis zu sei­ner Lehensherrschaft.
Martin Wick war nicht der einzige, der sich gegen Abgabenforderungen seiner Herrschaft zur Wehr setzte. Im Staatsarchiv Thur­gau wird ein so genannter Stoss- und Spenn-Rodel aufbe­wahrt. Der Name die­ser schmalen Per­gamentrolle weist auf seinen konfliktreichen In­halt hin: «Sto­ess» und «Spenn» kann mit «Streit» übersetzt wer­den. Gemäss diesem Stoss- und Spenn-Rodel aus dem Jahre 1433 fand damals eine Befragung aller Lehensinha­ber des Klosters St. Kathari­nental statt. Diese war notwendig gewor­den, weil zwischen den Bau­ern und dem Klos­ter unterschiedliche Meinungen bezüglich der zu leistenden Abga­ben herrschten. Das Kloster hatte nämlich vor 1433 ein grosses, neues Güter­verzeichnis erstellt, in welchem es seine Ab­gabenforderungen gegenüber den Bauern festhielt. Ob diese be­rechtigt waren, ist unklar. Je­denfalls sperrten sich neben Martin Wick auch andere Bauern gegen die Höhe der Forderun­gen, und zwar mit Erfolg. Dies zeigt der Fall Heinrich Harders von Basa­dingen. Er bezeichne­te die Abgabenforderun­gen des Klosters als falsch und sagte, dass er bisher zwei Mütt (zwi­schen 170 und 200 Liter) Kernen (entspelzter Dinkel) we­niger abgeliefert habe, als seine Herrschaft im Güterverzeich­nis nun forderte. Harder beharrte auf der Beibehaltung der von ihm genannten Abgabenmen­ge. Seine Klage wurde, gleich wie diejenige Martin Wicks, im Stoss- und Spenn-Rodel aufge­zeichnet. Heinrich Harder konnte sich bei den darauffolgenden Ver­handlungen durchsetzen: Die Klosterfrauen über­nahmen den von ihm genannten Betrag in ihr nach dem Streit neu an­gefertigtes Güterverzeichnis.


Geschäftspartner

Die Dokumente aus dem Thurgauer Staatsarchiv ermöglichen einen Einblick in die Lebens­welt der ländlichen Gesellschaft in der spätmittelalterlichen Ost­schweiz. Entgegen der weit verbreiteten Vorstellung, dass Klöster und Adlige aufgrund ihrer Machtstellung Herrschaft obrigkeitlich und mit Gewalt durchsetz­ten, dürfte die Bezie­hung zwischen Lehensherr und Lehensnehmer in der Regel auf einem weitgehenden Konsens beruht haben. Grund dafür wa­ren die mehr­heitlich gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen. Sowohl Herren als auch Bau­ern lebten von den Erträgen der Landwirtschaft. Zum Alltag gehörten deshalb regelmässige Begegnungen zwischen Vertretern der Herren und den Bewirt­schaftern ihrer Besitzungen, in denen über Abgaben und vieles mehr ver­handelt wurde. Dabei konnten Lehenbauern Erfolg haben, wie unser Fall zeigt. Die Bau­ern argumentierten ge­schickt, indem sie darauf hinwie­sen, dass gewisse Abga­ben lange Zeit nicht eingefordert worden waren.

Das Beispiel zeigt auch, dass Klöster und Adlige um ihre Ansprüche ständig be­müht sein mussten. Sie konnten ihre herrschaftlichen Ansprüche verwirken, wenn sie diese nicht aktiv einforderten. Der beste Schutz gegen den Verlust von Rechten bot den Herren die ständige mündliche und schriftliche Aktualisie­rung ihrer Rechte und Forderungen.
Seit dem 14. Jahr­hundert gingen deshalb viele geistliche und weltliche Herrschaften dazu über, in ihrer Verwal­tung Gü­terverzeichnisse und jährlich geführte Rechnungsbücher anzulegen. Dies er­möglichte ihnen nicht nur die Übersicht über die Abgabenforderungen, sondern zusätzlich die Kontrolle über die tatsächlich von den Bauern geleisteten Abga­ben.

Existenzieller Getreidebau

Dieses seit dem 14. Jahrhundert zunehmende, in Archiven überlieferte Verwal­tungsschriftgut ermöglicht es, die Grundlagen des täglichen Auskommens, näm­lich die Landwirtschaft, zu untersuchen. Schätzungsweise 80 bis 90 Prozent der spätmittelalterlichen und frühneuzeitli­chen Bevölkerung waren in irgendeiner Weise mit der Land­wirtschaft verbunden. Die Bauern waren in der Regel nicht die Eigentümer ihrer bewirtschafteten Böden, son­dern erhielten von weltlichen oder geistlichen Herren Land verliehen, das sie gegen Naturalabgaben, Geld und Arbeitsleistungen bewirtschafteten. Der Anbau von Getreide stand im Vor­dergrund. Im Thur­gau wurde als Win­tergetreide meist Dinkel und als Sommer­getreide hauptsächlich Hafer, häu­fig auch Gerste und regional ebenfalls Rog­gen angebaut. Die Dreifelderwirtschaft (jährlicher Wechsel zwischen Winterge­treide, Sommergetreide und Brache) war auf Einzelhöfen und in Streusiedlun­gen neben der Feldgraswirtschaft (Wechsel zwischen einigen Jahren Ackerbau und Graswirtschaft auf dem gleichen Stück Land), die verbreitetste Bodennut­zungsform.
Brot und Getreidebrei gehörten zu den Grundnahrungsmitteln, wenn möglich er­gänzt durch Fleisch, Käse, Gar­tengemüse, Obst und Beeren. Die damaligen Ge­treideerträge lassen sich aber nicht mit heutigen vergleichen: Für das Frühmit­telalter geht man davon aus, dass im zen­traleuropäischen Gebiet für ein gesä­tes Korn zwischen zwei und drei Körner geerntet wurden. Um 1500 waren die Ertragsverhältnisse durchschnittlich eins zu vier bis fünf, also immerhin doppelt so hoch wie im Frühmittelalter. Heutige Ertragszahlen beim Weizen liegen bei 1 zu 40 oder 50 und mehr.


Wachstum und Katastrophen

Unter anderem aufgrund dieser geringen Ertragskraft der Landwirtschaft befand sich der Grossteil der mittelal­terlichen Gesellschaft stets auf der Schwelle zwi­schen genügender und ungenügender Versorgung. Getreide war das wichtigste Grundnahrungsmittel; zwischen dem Ackerbau und der Bevölkerungsentwick­lung bestand ein di­rekter Zusammenhang. Die Bevöl­kerung Deutschlands, Eng­lands und Frankreichs verdoppelte sich nach Schät­zungen in der Zeit von 1200 bis kurz vor 1350 von rund 20 auf 40 Millionen. Dieser Prozess wird mit der so ge­nannten «Vergetreidung» in Zusammenhang gebracht. Immer mehr Land wur­de unter den Pflug genommen. Das ermöglichte, mehr Menschen zu ernähren. Diese Wachstumsphase wurde jäh unterbrochen: Eine gesamteuropäi­sche Kata­strophe, die Pest 1348/49, dezimierte in einigen Gebieten Europas auf einen Schlag die Bevölkerung um bis zu einen Drittel. Diese Entwicklungen sind auch im Thurgau dokumentiert. Für Basadingen konnte eine Fallstudie feststellen, dass spätestens nach 1350 aufgrund von sinkender Nahrungsnachfrage als Fol­ge der dezi­mierten Bevölkerung die intensiv bebauten Flächen zurückgingen und viele Acker- und Wiesenparzellen im Be­reich des Gemeindebanns nicht mehr bewirtschaftet wurden. Erst zwischen 1433 und 1551 fand wieder eine markante Nutzungsintensivierung statt, erkennbar an der Umwandlung von Wald- in Ackerflächen. Parallel zu dieser Entwicklung fand eine Verdichtung der Dorfsiedlung statt.


Familienwirtschaft

In der Landwirtschaft des Spätmittelalters war die Familienwirtschaft verbreitet. Bauern, die von den Herren Höfe zur Leihe erhielten, bewirtschafteten diese zusammen mit ihren Famili­en und allfälligen Angestellten. In der Regel handel­te es sich im Thurgau um Betriebe mit Mischwirtschaft mit vorwiegend Ge­treide- und Obstbau. Folgender, im vollen Wortlaut wie­dergegebener Eintrag zu Sulgen aus einem Zinsbuch des städtischen Heilig­geistspitals St.Gal­len ver­deutlicht dies. Erklärungen und Quellenbegriffe sind in eckige Klammern gesetzt.
Sulgen [Sulgoe]
  1. Der Hof zu Bruggli [in Sulgen] gibt 4 Mütt [Getreidemass] entspelzter Dinkel [Kernen] Bischofszeller Mass, 1 Malter [Getreidemass] Hafer,
  2. 1 Pfund Pfennige [Geldwährung], 4 Hühner, 50 Eier, 2 Kloben Wachs [Werch], Saatgut [Samen], 4 Malter Dinkel mit Spelz [Vesen] , 2 Malter Hafer.
  3. [Der Lehenbauer] Hans Koler hat ein Haus darauf gebaut, und wenn er vom Hof weg ziehen will, so soll er
  4. 2 Männer bestimmen und das Spital 3 Männer, und diese sollen den Wert des von Koler gebauten Hauses schätzen
  1. und der von ihnen bestimmte Entschädigungsbetrag soll ihm vom Spital ausbezahlt werden.
  1. Soll 10 Mütt Kernen, 1 Malter Hafer, 5 Pfund 6 Schilling 3 Pfennige, 4 Hühner, 50 Eier,
    1 Kloben Wachs [Werch] auf die Abrechnung [Ratio] am Martinstag 1440 geben.
  2. Er gab [dedit] 2 Kloben Flachs nach [post] dem Martinstag, er gab 10 Viertel Hafer auf Allerheiligen [omnium sanctorum], er gab 6 Viertel Ha­fer auf Konradstag 1440 [Cuonrade], er gab 10 Schilling Pfennige.
  3. Er gab 1 Pfund Pfennige, er gab, 1 Gulden, er gab 1 Malter Korn, er gab 1 Malter Korn nach Ratzwil im Jahre 1441.
  4. Er gab 6 Viertel Kernen nach 1441, er gab 30 Schillinge Pfennige vom Jahr 1441. Das Haus hat das Spital von ihm abgekauft und der Betrag ist mit seinen Abgaben verrechnet worden.
  1. Es bleibt übrig [restat] 2 Mütt Korn, 4 Pfund 3 Pfennige, 16 Mütt. 2 Viertel Kernen.

Mit diesem Eintrag lässt sich Grundlegendes zur ländlichen Gesellschaft des Mittelalters zei­gen. Der vom Spital mit einem Hof beliehene Bewirtschafter hiess Hans Koler. Wer sonst noch auf dem Hof wohnte und arbeitete, wird nicht festgehalten. Für das Kloster war dies nicht relevant, denn der Lehensnehmer, der in den meisten Fäl­len auch das Familienoberhaupt gewesen sein dürfte, war seine Ansprechperson. Entgegen der immer noch weit verbreiteten Mei­nung, welche für frühere Jahrhunderte von Dreigenerationenhaushalten aus­geht, bestan­den auch spätmittelalterliche Bauernfamilien hauptsächlich aus der Kernfamilie, das heisst aus Vater und Mutter mit ei­nem bis drei Kindern.
Das änderte sich auch in späterer Zeit nicht grundsätzlich, wie dies die Aus­wertung eines Leibeigenenverzeich­nisses des Klosters Fischingen aus dem 17. Jahrhundert für den Thurgau aufzeigt. Die Zahlen sind gegenüber mittelalterli­chen Verhältnissen nur leicht höher, die meisten Familien hatten vier Kinder.


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Der Eintrag aus dem Zinsbuch listet für den Hof zu Brugg­li in Sulgen die in den Jahren 1440–42 von Hans Koler an das Spital ge­leisteten Abgaben auf; die Men­genangaben sind in römi­schen Zahlen notiert. Dabei handelt es sich um Getreide, Geld, Hüh­ner, Eier, Flachs (Werch) und Saatgut. Dass keine Viehabgaben erwähnt sind, heisst nicht, dass auf dem Hof keine Tie­re gehalten wurden. Die Haltung zumindest eines kleinen Bestan­des an Grossvieh muss nur schon wegen der Eigenversorgung mit Milch und für den Bedarf an Dünger vorausgesetzt werden. Mist war der wichtigste Dung, den man zur Verfügung hatte und den man sowohl im Acker- als auch im Wein- und Gartenbau brauchte. In Bürglen erhiel­ten zu diesem Zweck die Lehensleute der Stadt St.Gallen um 1625 je eine Wiese, um mindes­tens eine Kuh überwintern zu können.

Für wen produzieren?

Eine andere verbreitete Vorstellung geht davon aus, dass mittelalterliche Bau­ernfamilien aus­schliesslich für die Selbstversorgung produzierten. Allein schon der Umstand, dass Bauern ihre Abgaben auch mit Geld zahlen konnten, ist ein Hinweis darauf, dass sie ihre Produkte zum Teil selber vermarkteten. Wo ist un­klar; in Frage kommen Märkte naher, aber auch wei­ter entfernter Dörfer und Städte.
Umgekehrt sicherten nicht nur Städter, sondern auch Bauern einen Teil ihrer Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs durch Käufe. Ein Grossteil der ländlichen Gesellschaft des Spät­mittelalters verfügte über eine hohe Marktinte­gration. Das bedeutet unter anderem, dass deren landwirtschaftliche Produktion abhängig war von Nachfrage und Angebot. Darauf reagierten Bauern durchaus innovativ, zum Beispiel mit der Förderung bestimmter Agrarbereiche oder sogar mit Umstellungen. Dies führte unter anderem zu landwirtschaftlichen Speziali­sierungen, die auch in der Ostschweiz nachweisbar sind: Bereits im 15. Jahr­hundert waren im Thurgau und St.Galler Fürstenland der Getreidebau, im St.­Galler Rheintal der Weinbau und im Appen­zellerland und Toggenburg die Vieh­wirtschaft vorherrschend. Treibende Kraft von Speziali­sierungen war zu einem Grossteil die im Spätmittelalter zunehmende städtische Nachfrage nach Wein, Fleisch und Molkenprodukten.
Dies war eine gesamteuropäische Erscheinung: Die städtische Nachfrage dominierte mehr und mehr die Landwirtschaft ihres je­weiligen Um­lands. Diese zunehmende Dominanz lässt sich auch im Bereich des Gewerbes zeigen.

Textilgewerbe und Lohnarbeit

Der Thurgau gehörte zusammen mit weiten Teilen der übrigen Ostschweiz und mit Gebieten Süddeutschlands zu einer über den Bodensee verflochtenen Tex­tillandschaft. Aus der Ost­schweiz wurden bereits im 15. Jahrhundert viele Städ­te Europas mit Leinen beliefert. Der Handel und grösstenteils auch die Produk­tion dieser Textilien wurden von den Städten domi­niert. Schon früh dürfte aber auch das bäuerliche Nebengewerbe auf dem Land bei der Her­stellung der Tü­cher eine Rolle gespielt haben. Folgendes Beispiel lässt darauf schliessen: Das Kloster St. Katharinental zahlte 1429 gemäss den Rechnungen der Priorin ih­rem Lehensmann Dürr für das Weben von Tuch und für das Spulen von Faden einen Geldbetrag. Solche Zah­lungen sind Hinweise für die im Mittelalter vor­handene Lohnarbeit in der ländlichen Gesell­schaft sowie auch für die Existenz von ländli­chem Gewerbe. Im Falle des erwähnten Dürr ist sogar zu fragen, ob er überhaupt noch als Landwirt tätig oder bereits Textil-Lohnarbeiter in Verlags-Heimarbeit war. Dürr verarbeitete vom Kloster eingekaufte Rohstoffe zu gewerbli­chen Endprodukten und lieferte diese gegen Bezahlung eines Lohnes wie­der ab. Was das Kloster mit den Tüchern machte, ist nicht ge­klärt. Vielleicht wurden sie im Kloster selber ge­braucht. Denkbar ist auch, dass das Kloster mit seinen Lehenleuten für den regionalen Handel oder sogar für den von städti­schen Kauf­leuten dominierten Export produzierte.


Gegenseitige Abhängigkeit

Obige Ausführungen haben deutlich gemacht, dass Beziehungen zwischen Her­ren und Bauern nicht nur Abgabenbeziehungen waren. Der tägliche Kontakt zwi­schen Herren und Bauern war vielfältig: Herren waren auch Arbeitgeber, und Abgabenforderungen wurden flexibel gehand­habt, indem Naturalien je nach Si­tuation mit Geld, Transporten oder Holzlieferungen abgegol­ten werden konnten. So wurden die Fuhrleistungen, welche Claus Scheuly aus Buch 1429 für das Kloster St. Katharinental geleistet hatte, von seiner Schuld abgezogen. Auch das Kloster konnte sich bei seinen Untertanen verschulden bzw. Leistungen von Bauern beziehen, die über deren Abgabepflichten hinausgingen. So standen die Klosterfrauen nach dem Abrechnen mit Claus Fischer in dessen Schuld und zahlten ihn aus. Er hatte dem Kloster Fische geliefert und eine Kornfuhre aus­geführt.
Auch auf Notsituationen nahmen Herren Rücksicht. Dies zeigen beispielsweise Abgabener­lasse aufgrund von schlechter Witterung. Für die Jahre um 1440 gibt es Anzeichen für eine Krisenzeit von mitteleuropäischem Ausmass, die durch wetterbedingte Missernten ausgelöst wurde und auch die Ostschweiz erfasste. Klaus Schaffroth, welcher einen Hof in Sulgen be­wirtschaftete, musste 1443 dem Stadtspital St.Gallen weniger Korn abliefern, denn es «stund nit wol», das Getreide war also nicht gut gewachsen. Auch Heini Ackermann ab dem Hof Saechlerhuob bei Arbon wurden Abgabenerlasse zugestanden, weil er im Jahr 1442 weniger Hafer als sonst auf dem Hof ernten konnte. Solche von Herren gegenüber Bauern gewährte Abgabenerlasse nach wetterbedingten Ertragsver­lusten waren verbreitet. Lag kein offensicht­liches Verschulden der Bauern vor, waren Herren häufig bereit, sich am Schaden der Bauern zu beteiligen. Diese Übereinkünfte weisen auf eine Beziehung zwischen Herren und Bauern hin, welche vom gegenseitigen Bewusstsein geprägt war, dass man trotz sozialer Unterschiede aufeinander angewiesen war.

Informationsträger der ländlichen Le­benswelt
Woher stammt unser Wissen über den Alltag im Spätmittelalter? Zur Erforschung der ländli­chen Gesellschaft sind die Historikerinnen und Histo­riker auf Überreste aus dem Mittelalter angewiesen. Informationen können aus vielfältigen Bereichen gewonnen werden.
Die Archäologie vermittelt uns Hinweise, die aus schriftlichen Quellen allein nicht zu gewin­nen wären. Eine der wichtigsten archäologischen Sachquellen ist der Abfall. Meist wurde der Abfall als Mist auf die beim Dorf am nächsten gele­genen Felder gebracht. Häufungen von Scherben und Sachrückständen lassen auf der Landschaft deshalb auf eine nahe gelegene Siedlung schliessen. Die Untersuchung von Skeletten wiederum erlaubt wichtige Rückschlüs­se auf das Alter sowie den Gesundheitszustand der ländlichen Bevölkerung, lange bevor Be­völkerungsregister existierten. Die Besiedlungsentwicklung einer Landschaft kann zudem durch die Bodenarchäologie erforscht werden. Geländestrukturen werden durch Fernerkun­dungen per Flugzeug erforscht.
Realien wie Kleidung, Gebrauchs- und Kultgegenstände sowie Gebäude liefern uns ebenfalls wichtige Hinweise zum ländlichen Alltag. Informationsträger sind auch Siegel, Wappen und Fahnen, die vom Selbstverständnis ihrer Besitzer sprechen. Bilder und Pläne sind anschauli­che Quellen von kaum zu überschät­zendem Wert. Sie zeigen uns beispielsweise, dass in den nordalpinen Dörfern Holz das wichtigste Baumaterial war.
Die meisten Informationen zur ländlichen Gesellschaft liefern uns schriftliche Quellen. Ur­kunden sind bis ins 14. Jahrhundert der zahlenmässig grösste Quel­lenbestand. Dabei sind vor allem die so genannten Privaturkunden im Zusam­menhang mit Landverleihungen von Interes­se. Andere normative Quellen mit hohem Informationsgehalt sind Dorfrechte (Off­nungen), Waldordnungen, Alpsat­zungen und Hofrechte. Sie enthalten sowohl strafrechtliche als auch wirtschaft­liche Bestimmungen, die das Leben auf dem Land wiederspiegeln. Für Untersu­chungen zur Entwicklung von Grundherrschaften und zur Struktur der Landwirt­schaft werden meist Urbare herangezogen. Urbare sind Besitz- oder Güterver­zeichnisse von Herrschaften und zeigen die Verwaltungstätigkeit und Wirt­schaftsführung von Klöstern und weltlichen In­stitutionen auf. Daneben dienten sie auch der Herrschaftslegitimie­rung. Rechnungs- und Zins­bücher, insbeson­dere wenn sie regelmässig geführt und in geschlossenen Reihen überliefert wurden, gehören zu den aussagekräftigsten Quellen. Neben den herrschaftli­chen Abgabenfor­derungen, die in den Urbaren aufgelistet wurden, sind hier die effektiv von den Bauern geleis­teten Abgaben verzeichnet. Weitere Quellen zur ländlichen Geschichte sind Jahrzeitbücher, Wunderberichte und Gerichtsakten. Jahrzeitbücher waren wohl die wichtigsten Schriftstücke einer Kirchen- und Dorfgemeinschaft. Sie können neben mittelalterlichen Jenseitsvorstellun­gen und Gedenkpraktiken auch Hinweise zu Familiengrössen und rechtlichen Bege­benheiten liefern. Auch in Wunderbüchern (Pilgerberichte aufgrund von Wun­derheilungen) finden sich oft Einträge zur Landbevölkerung. Hier sind Name, Wohnort, teilweise der Beruf sowie der die Wallfahrt auslösende Unfall oder die Krankheit des Betroffenen geschildert. Gerichtsakten vermögen uns Einblicke in die alltäglichen Beziehungen sowie zu Formen der Konfliktaustra­gung und -ver­meidung zu liefern.






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