Peter Niederhäuser


Göttlicher Wille soll hinter der Stiftung des Klosters Töss stehen.

Laut Gründungslegende zeichneten «schöne Lichter» den klösterlichen Standort aus und überzeugten überirdische Stimmen einen hier sesshaften Müller, wegzuziehen. Wie andere Konvente führte Töss seine Entstehung auf einen besonderen Fingerzeig zurück und legitimierte so sein Dasein mit einem himmlischen Auftrag. Die wenigen überlieferten schriftlichen Quellen entwerfen naturgemäss ein wesentlich nüchterneres Bild der Klostergründung. 1233 erlaubte Bischof Heinrich von Konstanz den Grafen Hartmann von Kyburg den Bau eines Frauenkonvents bei der Brücke über die Töss. Das Kloster übernahm die Augustinerregel und wurde wenig später Glied des Dominikanerordens. Innerhalb weniger Jahre entstand eine Institution, die im Zeichen des Siegeszuges der noch jungen Bettelorden Eigenständigkeit erlangte und als Ort weiblicher Frömmigkeit rasch anwuchs. Ein Jahrhundert nach der Gründung lebten rund 100 Frauen im Konvent, und noch um 1500 sind gegen 40 Nonnen bekannt – Töss gehörte damit zu den grössten Frauenklöstern der Ostschweiz.

Während für die spätmittelalterliche Geschichte des Klosters Töss die Schriftstücke ein recht detailliertes Bild der Situation zeichnen, bleibt die Frühzeit weitgehend im Dunkeln, das auch durch die «Lichter» der Gründungslegende nicht aufgehellt wird. Verschiedene Personen und Faktoren dürften zur Stiftung des Frauenkonvents beigetragen haben; der Hinweis auf eine göttliche Entstehung war der nachträgliche Versuch, diese komplexen Anfänge in ein griffiges Bild zu fassen. Als eigentliche Stifter gelten die Grafen Hartmann der Ältere und der Jüngere von Kyburg, die um 1230 einer bereits bestehenden Schwesterngemeinschaft den Boden samt Mühle bei der Tössbrücke vermachten, dort, wo die wichtige Landstrasse aus der Ostschweiz nach Zürich den Fluss überquerte. Das Kloster entstand nicht in der Stadt, wie für Bettelordensniederlassungen üblich, aber auch nicht in der «Einöde», wie für ältere Konvente charakteristisch. Der auffallende Standort könnte mit der Bedeutung geistlicher Gemeinschaften als Hospize und als Orte der Armen- und Krankenpflege, aber auch mit Auseinandersetzungen um adligen Besitz zusammenhängen. Die Gründung selbst verband neue Formen der Frömmigkeit mit politischen Interessen.

Anfänglich ein Frauenkonvent ohne genaue Ausrichtung, gelangte Töss rasch unter den Einfluss des Dominikanerordens. 1235 beauftragte Papst Gregor die Zürcher Prediger mit der Seelsorge in Töss. Der vom heiligen Dominikus, er lebte 1170–1221, begründete Orden war zu diesem Zeitpunkt erst wenige Jahre alt. Missions- und Predigttätigkeit, apostolische Armut, Bildung und das Leben in einer Gemeinschaft gehörten zu den Eigenheiten dieser neuen Bewegung, die zusammen mit den Franziskanern, auch Barfüsser genannt, rasch expandierte. Frauen nahmen innerhalb des Ordens zwar eine untergeordnete Stellung ein, die rasch zunehmende Zahl von Frauenklöstern gibt aber einen klaren Hinweis auf die Attraktivität der Bettelordensideale. Auch wenn Töss erst 1267 offiziell dem Orden integriert wurde, so betreuten die Dominikaner schon früh den Frauenkonvent, der damit zu den ersten weiblichen Niederlassungen der Armutsbewegung in der heutigen Deutschschweiz zählt.
Neue religiöse Inhalte bildeten eine Seite der Klostergründung, politische Aspekte die andere. Am Anfang war Töss ein auffallend «armes» Kloster, das zur Sicherstellung seiner Aufgaben und seiner Autonomie auf Almosen und Schenkungen angewiesen war. Dabei fällt auf, dass die Grafen von Kyburg als Stifter der Niederlassung kaum Zuwendungen machten. Vielmehr scheinen die Grafen das Kloster aus politischen Gründungen gefördert zu haben, lag es doch in einem Gebiet, wo verschiedene Konkurrenten der Grafen Ansprüche geltend machten. Im Mittelalter war es durchaus üblich, umstrittenes Land einem Kloster zu überschreiben und so zu «neutralisieren». Die frühen Erwerbungen von Töss scheinen denn auch auffallend oft auf Streitigkeiten und Rivalitäten zwischen Adelsfamilien zurückzugehen; das Kloster war in dieser Perspektive als geistliche Institution eine Instanz der Konfliktbeilegung und der Friedenswahrung. Dazu passt, dass die ersten Nonnen meist Angehörige von regionalen Adelsgeschlechtern waren – die Sorge um den Besitz ging Hand in Hand mit der Sorge um das Seelenheil.


Mystik

Vor diesem politischen und religiösen Hintergrund gelang es dem Kloster Töss, die Grundlagen seiner Existenz rasch auszubauen und zu festigen. Dank der Förderung gräflicher Geschlechter und der Übertragung von umstrittenen Gütern an die Tote Hand, wie der unveräusserliche Besitz der Kirche bezeichnet wurde, aber auch dank der Krise hochadliger Familien wie den Herren von Wart und Teufen konnte der Dominikanerinnenkonvent Rechte in der näheren und weiteren Umgebung erwerben; der Schwerpunkt lag zuerst im Töss- und Kempttal, später auch im Weinland. Das solide wirtschaftliche Fundament erlaubte um 1300 den Ausbau des Gebäudekomplexes, nicht zuletzt der neuen, langgezogenen gotischen Kirche, deren Hauptaltar 1315 geweiht wurde und die bis ins frühe 20. Jahrhundert erhalten blieb. Das besondere Gewicht von Töss zeigte sich in der Person von Elisabeth von Ungarn, die gegen 1309 von ihrer Stiefmutter im Dominikanerinnenkloster versorgt wurde. Um 1336 verstorben, war Elisabeth standesmässig als Prinzessin die bedeutendste Klosterfrau und ein entscheidendes Bindeglied zwischen Konvent und habsburgischer Landesherrschaft. Ihre Stiefmutter war nämlich niemand geringerer als Königin Agnes, Tochter des 1308 bei Windisch ermordeten habsburgischen Königs Albrecht und Ehefrau des verstorbenen Königs Andreas von Ungarn. Als sie nach dem Tod ihres Mannes das ungarische Reich fluchtartig verlassen musste, nahm sie die Stieftochter Elisabeth mit. Förderin des Frauenklosters Königsfelden, das unter Agnes zur wichtigsten Grablege der Habsburger im Mittelalter ausgebaut wurde, übte die Habsburgerin im Gebiet der heutigen Schweiz einen enormen politischen Einfluss aus und trat wiederholt als Wohltäterin von Kirchen auf, so auch des Klosters Töss. Dass sie ihre Stieftochter nicht im Hauskloster Königsfelden, sondern in Töss unterbrachte, zeigt die Bedeutung des Dominikanerinnenkonvents. Elisabeth hielt sich hier – zumindest anfänglich – kaum freiwillig auf. Sie spielte aber über ihren Tod hinaus eine wichtige Rolle und wurde bald wie eine Heilige verehrt. Ihr sind habsburgische Zuwendungen zu verdanken, auf sie geht wohl die Weihe des Hauptaltars zu Ehren der heiligen Elisabeth von Thüringen zurück, eine Verwandte der Prinzessin. Auf Elisabeth nahm im 15. Jahrhundert zudem Sigismund von Luxemburg ausdrücklich Bezug, als der Römische Kaiser und ungarische König 1430 die, allerdings umstrittenen Freiheiten des Klosters bestätigte und damit schützte.

Die in Grundbesitz, Architektur und der Person von Elisabeth von Ungarn ablesbare Blütezeit setzte sich auf spirituellem Gebiet fort. Im 14. Jahrhundert zählte das Frauenkloster zu den Hochburgen der Mystik, einer von den Dominikanern geprägten Bewegung, die vor allem Kindheit und Leiden Jesu verehrte. Intensives Gebet, Askese und Selbstkasteiung waren Mittel der extremen Hingabe, um den Körper abzutöten beziehungsweise zu überwinden. Die Seele sollte zu Gott hingeführt und mystischen Grenzerfahrungen wie Visionen geöffnet werden. In exemplarischem Sinn erzählen die angeblich von der Klosterfrau Elsbeth Stagel verfassten Lebensgeschichten den mystischen Alltag der Nonnen in Töss. Das «Schwesternbuch» schildert das Schicksal von über 30 geistlichen Frauen, die sich zwischen 1250 und 1350 im Dominikanerinnenkonvent aufgehalten haben sollen. Die mehr oder weniger umfangreichen Darstellungen der Leiden, Qualen und Bussübungen dieser Frauen dürften allerdings weniger den tatsächlichen Alltag als monastische Ideale abbilden. Sinn und Zweck der «Schwesternbücher», wie sie auch in anderen Frauenkonventen zu finden sind, war der Vorbild-Charakter. Sie skizzieren in didaktischer Absicht eine Form mustergültiger Lebensweise, die Werte und Normen der idealen Frömmigkeit in einem Kloster vermitteln. Auch wenn der Wahrheitsgehalt solcher Erzählungen inzwischen kaum noch ein Thema ist, so prägen diese faszinierenden Nonnengeschichten bis heute das Bild des Klosters Töss als weit ausstrahlender Ort mystischer Minne.


Spätmittelalterlicher Alltag

Nach dieser mystischen Blütezeit scheint die Klosterherrlichkeit rasch an Glanz verloren zu haben; der strenge Alltag im Konvent lockerte sich. Von einem «Niedergang», wie er später immer wieder beklagt wurde, ist jedoch wenig zu spüren. Vielmehr zeichnen die recht umfangreichen Quellen das Bild eines Frauenklosters, das keine Nachwuchssorgen kannte, hauptsächlich begüterte Töchter aufnahm, über ein solides wirtschaftliches Fundament verfügte und in künstlerischer Hinsicht mit dem Neubau von Kreuzgang und anderen Gebäudeteilen um 1500 eine weitere Blütezeit erlebte. Gemessen an den exemplarischen Schilderungen des «Schwesternbuches» erschien das klösterliche Leben zwar als weniger attraktiv und vorbildlich, es entsprach aber durchaus den Verhältnissen vergleichbarer Frauenkonvente. Die tatsächliche oder idealisierte Disziplin und die strikten Prinzipien der Bettelorden hatten sich im Laufe des Spätmittelalters – dem gewandelten Selbstverständnis der Konvente folgend – aufgelockert und verändert. Eine Bulle erlaubte 1514 den Frauen das Tragen einer bequemeren Kleidung und das Verlassen des Klosters in Notfällen, um zu Verwandten oder zur Kur nach Baden gehen zu können. Weiterhin prägten aber der Rhythmus der Stundengebete, die karitative Tätigkeit und die wechselnden Aufgaben innerhalb der Gemeinschaft den Alltag hinter den Klostermauern, der den Frauen einen erstaunlich grossen Spielraum gewährte.

Das Pochen auf die Autonomie und das Selbstbewusstsein der Frauen hingen nicht zuletzt mit dem Rang des Klosters zusammen. Mehr als andere Konvente blieb Töss nämlich ein Adelskloster. Während in der Frühzeit Angehörige des regionalen Adels den Schleier nahmen, so setzte sich der Konvent im Spätmittelalter vor allem aus Landadligen aus der Ostschweiz und aus Töchtern städtischer Rats- und Patrizierfamilien aus Winterthur, Zürich und Konstanz zusammen. Die Aufnahme in das Kloster setzte ein bestimmtes Vermögen voraus. Mindestens die besser gestellten Nonnen mussten sich buchstäblich einkaufen – aus Bettelordensniederlassungen waren offensichtlich «normale» Konvente geworden. Der Eintritt erfolgte sicher nicht immer freiwillig und hing eng von der Familienpolitik ab, die Möglichkeit von Privatbesitz machte aber den Aufenthalt im Kloster durchaus erträglich und erlaubte den Frauen einige Freiheiten. Töss blieb deshalb bis zur Reformation ein angesehenes und begütertes Kloster.

Die Bedeutung von Töss als standesgemässer Frauenkonvent zeigt sich in der überaus repräsentativen Gestaltung des Kreuzgangs, aber auch in den Namen der Priorinnen, die fast ausnahmslos aus besten Familien stammten. Von den 1504 namentlich erwähnten beinahe 40 Klosterfrauen gehörte ungefähr ein Viertel dem Adel, ein Viertel dem städtischen Patriziat und nochmals ein Viertel führenden Ratsgeschlechtern aus Winterthur an – die Grenzen zwischen diesen Gruppen verliefen zum Teil fliessend. Diese Standesunterschiede machten vor den Klostermauern nicht Halt. Einzelne Schwestern waren buchstäblich von Priorinnen abhängig, innerhalb des Konvents gab es zudem Laienschwestern, über deren Stellung kaum etwas bekannt ist. Den kleinen klösterlichen Kosmos rundeten weltliche Dienstleute und Pfründner ab, Personen, die sich mit Geld das Recht auf Wohnung und Versorgung erwarben. Über die Binnenstrukturen der Schwesterngemeinschaft selbst finden sich kaum Hinweise. Unterhalb der Priorin bekleideten eine Subpriorin, eine Schaffnerin und eine Kellerin wichtige Ämter, während andere Nonnen das Seelamt mit den Jahrzeiten oder die Blasiuspfründe in der Kapelle Winterberg betreuten. Erwähnt werden schliesslich in der Klosterkirche ein ewiges Licht vor dem Bild der Muttergottes sowie das Kreuz der Königin – eine von Agnes oder Elisabeth von Ungarn gestiftete Reliquie?
Eine zentrale Rolle spielten die weltlichen Verwalter des Klostergutes, die wechselweise zuerst als Schaffner, dann als Hofmeister, Amtmann und, oder Baumeister, Verantwortlicher für die Landwirtschaft bezeichnet wurden. Meist aus der Region Winterthur stammend, kümmerten sie sich in enger Absprache mit der Priorin um den beträchtlichen Besitz und die Rechte des Klosters. Dieses Vermögen wurde ab dem 13. Jahrhundert Schritt für Schritt ausgebaut, wobei im Unterschied zu Männerklöstern gerichtsherrliche Rechte keine Rolle spielten. In Töss gab es nie eine eigentliche Klosterherrschaft; bedeutendere Gerichtsrechte sind nur gerade für Dättlikon und Dorf überliefert, sonst umfasste der Besitz hauptsächlich Bauernhöfe, Abgaben, Zinsen und Gülten. Ein besonderes Gewicht wurde auf Mühlen gelegt – so gehörten Töss allein in der Stadt Winterthur mehrere Mühlen. Die finanziell sicher attraktivste Einnahmequelle waren Zehntrechte.
Ein Überblick über die Verteilung der Einkünfte zeigt deutliche geografische Schwerpunkte, die sich im Laufe des Mittelalters noch akzentuierten. Im Mittelpunkt der eher lockeren Herrschaft standen jene drei Kirchen, die im 13. und 14. Jahrhundert an Töss gelangten: Dättlikon, Neunforn und Veltheim. Dättlikon mit dem unteren Tösstal und Neunforn bildeten zusammen mit dem Besitz im Flaachtal sowie der näheren Umgebung des Klosters das Rückgrat der Klosterwirtschaft; hier wurde bis ins 16. Jahrhundert mehr oder weniger gezielt Zehnt- und andere Rechte aufgekauft und damit die Herrschaft sinnvoll abgerundet und verdichtet. Dabei fällt die finanzielle Kraft des Konvents auf. Zwischen 1400 und 1515 investierte Töss rund 5000 Gulden allein in Zehntrechte – eine enorme Summe und ein deutlicher Hinweis auf die Attraktivität des Klosters bis ins ausgehende Mittelalter.


Ein Kloster wird reformiert

Erst die letzten Jahre vor der Reformation lassen auf gewisse Probleme schliessen. Nach 1510 wurden keine grösseren Käufe mehr getätigt und häufen sich Konflikte, die Schwierigkeiten bei der Durchsetzung der Klosterherrschaft verraten – ein Phänomen, das sich auch in anderen zürcherischen Gebieten findet. Diese Schwierigkeiten gingen nahtlos über in die Wirren der Reformationszeit, als nicht nur die Rolle von Klöstern und geistlichen Frauen, sondern mit der Leibeigenschaft und Abgaben auch Herrschaftsrechte grundsätzlich in Frage gestellt wurden. Noch vor der Auflösung von Klöstern und anderen geistlichen Institutionen im Sommer 1525 scheinen erste Frauen unter dem Einfluss reformatorischer Ideen den Konvent verlassen zu haben und lähmten innere Spannungen das klösterliche Leben. Ende 1523 schränkte der Rat von Zürich den «Verkehr» der Schwestern mit der Aussenwelt ein, weil die Badstube öffentlich benutzt worden war, Konventfrauen ohne Erlaubnis das Kloster verlassen hatten und wiederholt Personen abends und frühmorgens eingelassen wurden; die Frühmesse sollte zudem morgens um 5 Uhr gelesen und nicht mehr gesungen werden. Die Unruhen unter den Schwestern hielten jedoch an. Noch vor Aufhebung des Klosters traten über ein Dutzend Frauen aus der Gemeinschaft aus und forderten ihr eingebrachtes Gut zurück, während andere offensichtlich auf das Fortbestehen des Konvents hofften und Massnahmen des Rates von Zürich zu unterlaufen suchten.
Die grosse Bauernversammlung im Juni 1525 vor den Toren des Klosters Töss brachte dann die Entscheidung. Nachdem ein Gewaltausbruch und eine Plünderung des Konvents nur mit Glück vermieden werden konnte, traf Zürich den Entscheid, Töss wie andere Klöster als geistliche Institution aufzuheben. Wer im Kloster blieb, erhielt eine jährliche Rente, wer hingegen wegzog, hatte Anrecht auf eine Entschädigung. Die Schwestern bildeten aber weiterhin eine Gemeinschaft, denn noch 1527 urkundeten «Priorin und Konventfrauen des Klosters Töss». 1532 werden über 30 ehemalige Klosterfrauen sowie gegen 20 Laienschwestern erwähnt; einige lebten weiterhin in Töss, andere heirateten oder zogen zu ihren Verwandten. Die letzten ehemaligen Nonnen starben nach der Mitte des 16. Jahrhunderts. Während die Klosterkirche fortan als Pfarrkirche von Töss diente, blieb das Kloster selbst als Amtshaus erhalten.


Vom Amtshaus zur Fabrikhalle

Die Reformation brachte zwar das Ende des Klosters Töss als Ort von Gebet und Gottesdienst, nicht aber als Ort der Verwaltung. Die
klösterlichen Ländereien blieben ebenso intakt wie die Klostergebäude. Vor dem Anspruch, das kirchliche Gut für soziale Aufgaben zu nutzen, lehnte der Rat von Zürich die klösterliche Tradition nicht grundlegend ab. Aufgaben wie die Armenfürsorge, die Betreuung von Pfarreien oder die Bewirtschaftung der Güter wurden nun jedoch nicht mehr von der Priorin und ihren Mitschwestern ausgeübt, sondern von einem Amtmann, der vom Zürcher Rat für eine befristete Zeit eingesetzt wurde. Der erste Amtmann, Hans Kambli, nahm seine Tätigkeit Ende 1525 auf; unter seinem Nachfolger Heinrich Brennwald, dem ehemaligen Propst des Stifts Embrach, wurden dann ab 1529 die krisenanfälligen Strukturen der Amtsverwaltung auf neue Grundlagen gestellt und dank Verkäufen Schulden getilgt. Mit den Reformen kamen bessere Zeiten und bald auch eine wirtschaftliche Erholung. Der Unterhalt der Gebäude, die Verbauung der Töss, die Entlöhnung von Pfarrherren und Schulmeistern, die Unterstützung der immer grösseren Zahl von Armen, Abgaben an die Zürcher Obrigkeit und die eigentliche Verwaltungsarbeit verschlangen aber einen Grossteil der Einkünfte. Da die Abgaben hauptsächlich auf Naturalwirtschaft beruhten, war die Rendite stark von den klimatischen Bedingungen abhängig und schwankte entsprechend.
Das Erbe des Dominikanerinnenklosters lässt sich am besten in den wirtschaftlichen Strukturen ablesen. Zehntrechte und Bauernhöfe bildeten wie im Mittelalter das ökonomische Rückgrat des Amtes. Auch wenn einzelne Abgaben und Güter verkauft wurden, so 1530 der Wald Wolfensberg an die Gemeinde Veltheim, blieben Form und Umfang der klösterlichen Herrschaft weitgehend bestehen und sicherten dem Amt langfristig ein anständiges Einkommen. Im Vergleich mit anderen Zürcher Ämter lag Töss vermutlich im Mittelfeld und überwies dem Obmann, der obersten Instanz der Klosterämter, regelmässig einen Überschuss an Getreide und Geld, oft eine vierstellige Pfundzahl.

Mit dem Untergang des Alten Zürich 1798 erlebte auch die Amtsverwaltung eine Zäsur. Ein Teil der regelmässigen Einkünfte verschwand, das Amtshaus verlor spätestens mit der Aufhebung des Zehnten seine Bedeutung. Anfang der 1830 er-Jahre hob der Kanton Zürich alle Ämter auf und verkaufte die Güter. 1833 erwarb der Winterthurer Fabrikant Heinrich Rieter das Klosterareal, das seither industriell genutzt wird. 1854 ging auch die Pfarrkirche in den Besitz der Firma Rieter über und diente künftig als Produktionshalle. Die neuen Zeiten brachten die Klosterherrlichkeit Schritt für Schritt zum Verschwinden: 1851 wurde der Kreuzgang abgerissen, anschliessend die Konventsgebäude, 1916 dann die Klosterkirche. Bemühungen historisch interessierter Kreise, einzelne Architekturteile zu retten, scheiterten unter anderem an den Dimensionen, denn die grossen Masswerkfenster liessen sich auf der Mörsburg einfach nicht ausstellen. Nachdem 1969 auch die ehemalige Klosterscheune überbaut wurde, erinnert heute einzig das Mühlengebäude an der Töss an Kloster und Amtshaus.




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